Vita

Frank P. Kistner ist in Heilbronn geboren und aufgewachsen, hat einen Lehrauftrag für Photographie, wohnt und arbeitet in Stuttgart und Berlin, und hat ein Studio im „Kunstwerk“ Fellbach – er ist seit 2015 berufenes Mitglied in der DGPH.

Wie positioniert man sich da als künstlerisch arbeitender Fotograf? Frank Paul Kistner ist zunächst ein hochprofessioneller Fotograf alter Schule, der die Technik beherrscht, der Komposition, Licht, Farbwerte nicht dem Zufall überlässt, sondern sehr bewusst mit den Gestaltungsmitteln umzugehen versteht. Er hat mit analoger Fotografie begonnen – und die Ausstellung hier spiegelt die Marksteine seiner künstlerischen Entwicklung. Es beginnt mit der Serie „Körper und Antlitz“, die Ende der Achtzigerjahre entstanden ist.

Die Referenz an Man Ray ist unübersehbar. Aber es sind doch eigenständige Positionen, bei denen es ganz offensichtlich nicht um die Darstellung eines Individuums geht, auch nicht um die Physiognomie oder die erotische Zurschaustellung des nackten Körpers.

Die Situation lässt sich nicht exakt ausmachen, die Perspektive auch nur der Spur nach benennen. Nicht alle Elemente lassen sich dechiffrieren, es bleiben Ungereimtheiten, etwa bei Körperteilen, die sich nicht direkt zuordnen lassen, vermutlich gar nicht dem Modell gehören.

Worum geht es also? Um das, was wir nicht sehen. Diese Fotografien wollen eben nicht die sichtbare Welt mimetisch abbilden, sie wollen ihr nicht einmal annähernd gerecht werden in ihrer äußerlichen Erscheinung. Es sind aber auch keine Stimmungsbilder, es geht nicht primär um Atmosphäre – bei Aktfotografie wäre es etwa naheliegend, eine süßlich-lüsterne Stimmung zu transportieren.

Etwas Ungreifbares, Zärtliches liegt in diesen Fotografien, es ist eher eine Innenschau als die Darstellung äußerlicher Erscheinungen – und entsprechend hat die junge Frau die Augen geschlossen und sucht nicht herausfordernd unseren Blick. Diese Fotografien wollen nicht gesehen werden, sondern eher erlebt und erspürt, sie sind wie ein zärtlicher Hauch, fast wie eine Träumerei.

„Verhüllungen“ hat Frank Paul Kistner eine weitere Serie genannt, in der weibliche Körper in durchscheinende Stoffe, eine Art Gaze gehüllt werden wie in einen Kokon. Die Leiber sind gebeugt, zusammengezogen, gekrümmt ähnlich Embryonen. Diese Haltung evoziert extreme Schutzbedürftigkeit und Verletzlichkeit, was durch den fragilen, durchscheinenden Netzstoff noch unterstrichen wird.

Er fließt leicht und nachgerade immateriell dahin. Nicht wie Menschen aus Fleisch und Blut wirken diese inszenierten Leiber, sondern flüchtig, wie ein Hauch, wie eine Blüte im Wind. Ein Würmchen zwischen Blättern, die bald schon welken werden.

Ein Hauch? Eine Blüte im Wind? Ist das jetzt eine pseudo-poetische Spinnerei von mir? Ist es der hilflose Versuch, der Kunst habhaft zu werden, die sich der Sprache letztlich entzieht?

Was Frank Paul Kistners Arbeiten unterscheidet von den Millionen, ja Milliarden kursierenden Fotografien, ist, dass er etwas ins Bild zu bannen versteht, was nicht sichtbar ist. Er stellt etwas dar, was sich nur schwerlich fassen, festklopfen lässt.

ADRIENNE BRAUN, STUTTGART

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